Wenn frühe Traumatisierungen das Vertrauen in andere Menschen verändern
Stand: 05.11.2026
Weshalb fällt es manchen Menschen nach frühen traumatischen Erfahrungen schwer, anderen zu vertrauen, während sie gleichzeitig besonders anfällig dafür sein können, Informationen oder Einschätzungen anderer unkritisch zu übernehmen?
Eine neue Studie von Lashani und Kolleg:innen (2026), veröffentlicht in Translational Psychiatry, untersucht die Bedeutung des sogenannten epistemischen Vertrauens für die Entwicklung von PTBS und komplexer PTBS (kPTBS).
Epistemisches Vertrauen bezeichnet die Fähigkeit, Informationen, die andere Menschen vermitteln, als glaubwürdig, relevant und für das eigene Leben hilfreich einzuschätzen. Die Forschenden unterscheiden drei Dimensionen:
- Epistemisches Vertrauen: Offenheit gegenüber glaubwürdigen Informationen anderer Menschen.
- Epistemisches Misstrauen: Die Tendenz, Informationen anderer grundsätzlich infrage zu stellen oder zurückzuweisen.
- Epistemische Leichtgläubigkeit (Credulity): Die Neigung, Informationen anderer unkritisch zu übernehmen, auch wenn diese möglicherweise unzuverlässig sind.
Die Studie
Untersucht wurden Selbstberichtsdaten einer repräsentativen deutschen Stichprobe von 2'519 Personen. Die Forschenden analysierten, wie die Art und der Zeitpunkt traumatischer Erfahrungen mit epistemischem Vertrauen, Misstrauen und Leichtgläubigkeit sowie mit Symptomen einer PTBS und Störungen der Selbstorganisation (Disturbances in Self-Organization, DSO) zusammenhängen.
Zentrale Ergebnisse
Weder die Art der Traumatisierung noch das Lebensalter zum Zeitpunkt der Traumatisierung erklärten für sich allein die Veränderungen des epistemischen Vertrauens besonders gut. Entscheidend war vielmehr das Zusammenspiel beider Faktoren.
Insbesondere interpersonelle Traumatisierungen in der Kindheit waren mit vermindertem epistemischem Vertrauen und erhöhter epistemischer Leichtgläubigkeit verbunden. Diese Veränderungen standen wiederum mit einer stärkeren PTBS-Symptomatik und ausgeprägteren Störungen der Selbstorganisation in Zusammenhang.
Bemerkenswert ist, dass insbesondere die erhöhte Leichtgläubigkeit einen statistisch bedeutsamen vermittelnden Faktor zwischen frühen Beziehungstraumatisierungen und späterer Traumafolgesymptomatik darstellte.
Die Ergebnisse legen damit nahe, dass frühe interpersonelle Gewalt nicht nur das Vertrauen in andere Menschen beeinträchtigen kann, sondern auch die Fähigkeit, deren Aussagen und Absichten angemessen einzuschätzen.
Bedeutung für die Psychotherapie
Die Befunde sind insbesondere für die Behandlung komplexer Traumafolgestörungen relevant. Betroffene können gleichzeitig Schwierigkeiten haben, anderen Menschen zu vertrauen, und dazu neigen, deren Einschätzungen übermässig zu übernehmen.
Dies könnte beispielsweise erklären helfen, weshalb manche Patient:innen therapeutischen Fachpersonen zunächst stark misstrauen, während andere deren Aussagen kaum hinterfragen und eigene Wahrnehmungen oder Bedürfnisse zurückstellen.
Für die Psychotherapie unterstreicht die Studie die Bedeutung einer Beziehungsgestaltung, die nicht nur Sicherheit und Vertrauen fördert, sondern auch kritisches Denken, Selbstbestimmung und die eigenständige Bewertung von Informationen unterstützt.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich um eine Querschnittsstudie handelt. Die untersuchten Zusammenhänge erlauben keine kausalen Schlussfolgerungen. Insbesondere ist noch nicht nachgewiesen, dass eine therapeutische Verbesserung des epistemischen Vertrauens unmittelbar zu einer Reduktion der PTBS- oder kPTBS-Symptomatik führt.
Fazit
Frühe interpersonelle Traumatisierungen können mit grundlegenden Veränderungen darin verbunden sein, wie Menschen Informationen und Einschätzungen anderer verarbeiten. Die Studie erweitert damit das Verständnis komplexer Traumafolgestörungen um eine wichtige soziale und entwicklungspsychologische Perspektive.
Mehr dazu in unseren Ratgebern PTBS und komplexe PTBS und Was ist ein Trauma? sowie auf der Seite Traumatherapie in Berlin.
Quellen
- Quelle: Jan Gysi, Newsletter „updates Psychotraumatologie“
- Originalstudie: Lashani, E., Fonagy, P., Riedl, D., Kampling, H., Kruse, J., Lampe, A., Engert, V., Montague, P. R., Brähler, E., Fegert, J. M., Sachser, C., & Nolte, T. (2026). Cracks in the foundation: Disrupted epistemic trust as a link between trauma, PTSD and disturbances in self-organization. Translational Psychiatry, 16, Article 471.
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